Künstler: Suff
Daddy Titel: Suff Sells VÖ:
31.05.2012 Label: Melting Pot Music Features: Miles Bonny, Flat
Pocket (aka Twit One & Lazy Jones), Fleur Earth, Phat Kat,
Elzhi, Hulk Hodn, Vertual Vertigo
Die Nachricht erreichte
uns schon vor einiger Zeit: Der Wahlberliner und Produzent Suff Daddy, der uns schon
mit so vielen Tracks erfreut hat, wandert nach Australien aus. Es
stellte sich die Frage, wie sich das auf seine Musik auswirken würde.
Die Antwort: Kaum. Suff
Daddy versicherte, dass er das Produzieren nicht bleiben
lassen werde, nur würden seine live Gigs jetzt wohl erstmal wieder
etwas seltener werden. Bei Mixery Raw Deluxe kündigte er allerdings noch an,
dass seine Partyreihe Beat
Geeks weiter laufen sollte.
Um
sich gebührend zu verabschieden, musste der
Beatbastler dem heimischen Musikfreund noch etwas hinterlassen und eben
diese Hinterlassenschaft ist „Suff Sells“, eine 29 Tracks starke 67 Minuten
andauernde Platte, die sich größtenteils, aber eben nicht ganz, aus
Instrumentalen zusammen setzt. Obwohl Suff Daddy bereits mit dem ein oder anderen
deutschen (u.a. Audio88, Fleur Earth,Morlockk Dilemma) und auch amerikanischen
Künstler (u.a. Guilty
Simpson & Miles Bonny) zusammen gearbeitet hat, glänzt er
auf „Suff Sells“
hauptsächlich selbst als Virtuose am Korg und durch seine wunderbare
Sampleauswahl. Vocalparts sind auf dem Album zwar nur wenige zu finden,
dafür sind sie dann aber umso schöner. Neben der hauseigenen (und
exquisiten) Fleur Earth
gibt sich Lumberjack Miles Bonny in Sachen Soul die Ehre, für die
Rapparts gibts Vertual
Vertigo auf die Ohren UND man höre und staune Elzhi und Phat Kat. Mit den Features
hat sich Suff Daddy
als bekennender Dilla-Jünger wohl
sicherso
etwas wie einen musikalischen Traum erfüllt.
Im
direkten Vergleich zu seiner letzten LP, den „Gin Diaries“ von 2010, begeht
Suff Daddy auf
„Suff Sells“ neue
Wege. Wo die Beats
bei den
vorausgegangenen Auskopplungen noch sehr samplelastig waren, nimmt jetzt
Suffs gezocke auf den Synthesizern eine wesentlich prominentere Rolle
ein. „Suff Sells“
ist eigentlich kein Album, das man gut nebenbei hören kann. Es fordert
dem Hörer ab, sich auf die Musik einzulassen. Lässt man es nur so im
Hintergrund laufen, bekommt man etwas zu sehr den Eindruck von
„Fahrstuhlmusik“. Das liegt nicht zuletzt daran, dass dem Album die
herausragenden Tracks fehlen. Zu wenige der 29 Nummern besitzen das
Potential dem Hörer seine ungeteilte Aufmerksamkeit abzuverlangen, ein
Phänomen, das häufig bei instrumentallastigen Alben auftritt.
Besondere Juwelen des Albums sind die Tracks mit
Elzhi und Phat Kat (DET2BLN) und Vertual Vertigo (Twisted), aber auch Nummern
wie das finstere "Bad Night
Out" oder die pushende "Suff Disco" vermögen zu begeistern. Die
persönlichen Favoriten sind aber definitiv "Pattern Select" mit der wunderbaren
Blues-Gitarre und "Bo
Brenk", ein Track, der zum kollektiven Genickbruch durch
Kopfnicken aufruft.
Die Anzahl der Anspielpunkte
sind schlussendlich etwas viel. 29 Tracks sind eine beinahe erschlagende
Menge und das auch bei einer Anspieldauer von im Schnitt wohl nur zwei
Minuten pro Track. „Suff
Sells“ ist in keinem Falle ein schlechtes Album, ein
wirklich schlechtes könnte Suff
Daddy wohl auch nicht produzieren. Dem Album fehlt es auch
nicht an Höhepunkten, doch die Absetzung vom Durchschnitt hin zum Hit
gelingt dann doch leider einfach nicht oft genug. Dem Album hätte es gut
getan, wenn vor dem Pressen noch der ein oder andere Track gestrichen
worden wäre. Die gnadenlos gute erste EP „EFIL4FFUS“ von 2008 und das traumhafte „Gin Diaries“ Album von 2010
besaßen diese Schwäche nicht. Das „Problem“ bei „Suff
Sells“ ist also
weniger die Qualität der Stücke als vielmehr die Quantität, die das
Gesamtwerk nicht so gut darstehen lässt wie die Vorgänger.
Natürlich will ich trotzdem mehr hören von Suff Daddy.
Vielleicht bringt der Tapetenwechsel ja auch einen ganz neuen Flavour.
Wir bleiben gespannt und freuen uns auf den ersten Beat aus Down
Under.
Tracklist (Vinyl): A1. Intro (Ela Drums
Restored) A2. P.G.O.B. ft. Miles Bonny A3. Feelin
Allright A4. Drinks A5. Jimmy Smith
Interlude A6. Quicc Beat A7. Pattern
Select A8. Giscar Sob ft. Flat Pocket (Twit One & Lazy
Jones) B1. Ultimate Interlude B2. Dr.
Banard B3. Bad Night Out B4. Stein Im Brett ft.
Fleur Earth B5. Make It Drip B6. Lovin You
B7. K.C. Vodka C1. Dexter Wansel Interlude C2.
Det2bln ft. Phat Kat & Elzhi (Slum Village) C3. Quicc
Jazz C4. Suff Disco C5. Take’em To The
Kiosk C6. Elephant C7. Bo Break D1. Gimlet
ft. Hulk Hodn (Huss & Hodn) D2. Beate D3.
Cold Lampin D4. Twisted ft. Vertual Vertigo D5.
Dilemma D6. Supersilverhaze D7.
Flakey
Künstler: Bizzy Montana Titel: Gift VÖ: 30.03.2012 Label: Wolfpack Entertainment (Soulfood) Art: Album Features: Jonesmann, Moe Phoenix & DJ Pron Beats: Chakuza, Abaz, Bizzy Montana, Johnny Pepp, Beatdown Audio, Philipp Buchholz, Trinity, Timecy – Chessa/Cutheta
Bizzy Montana ist längst kein unbekannter Insidertip mehr in der deutschen Szene und doch verwundert es, dass mit „Gift“ sein erstes „richtiges“ Album in den Startlöchern steht. Viele Mixtapes und Streetalben pflastern seinen Weg, der ihn mittlerweile von ersguterjunge zu Freunde von Niemand gebracht hat, wenn das Album auch noch über Wolfpack Entertainment erscheint. Musikalisch dürfte klar sein was abgeht: Traurige Banger, Tales from the Suff, „austeilen, einstecken“.
Bizzy versteht es, auf teils doch sehr abstrakten (aber dopen) Beats, seine relaxten Flows präzise in den Takt zu knallen. Allein schon vom Sounddesign her, passt der exgutejunge hervorragend zu seiner neuen Promotion-Heimat. Viele Supporter hätten sich daher bestimmt ein Feature von Vega oder einem vom Rest der Bande gewünscht. Denn auf die gesamte Spielzeit schafft es Bizzy, in meinen Ohren, einfach nicht spannend zu bleiben. Manche Lines oder bestimmte Phrasen wie „Stempel des Lebens“ oder „geht ihr unter hier wie Schiffe“ sind mir schlichtweg zu platt.
Klar hat er in so gut wie jedem Track ein oder zwei Zeilen die einen erstmal schlucken lassen, aber wenn man mal zwei, drei Meter vom Bild weggeht, wirken die Farben und Formen einfach zu gleich, zu austauschbar. Da hilft es auch nicht dass das Produzentenroster fast nur großartige Namen aufweist. Allen voran haut Chakuza ein abwechslungsreicheres Brett nach dem anderen raus.
Ich kann aber auch durchaus nachvollziehen, warum man das hier feiert. Es wirkt authentisch, die Probleme die er hat, hat er sicherlich nicht als einziger und gut gerappt ist es auch. Bizzy hat seit Jahren schon seine Nische gefunden und die wird mit „Gift“ auch wieder mehr als bedient. Nur ob es sich Leute, die ihn noch nicht kennen (wenn es so etwas szeneintern überhaupt noch gibt), öfter als einmal anhören werden, darf durchaus bezweifelt werden.
P.S.: Die Produzentenliste auf der Rückseite ist sehr schlecht zu entziffern.
Tracklist: 1. Gift (prod. Chakuza/Beatlefield) 2. Alles beim alten (prod. Chakuza/Beatlefield) 3. Kopfkino (prod. Johnny Pepp) 4. Fliegen Lernen (prod. Chakuza/Beatlefield) 5. Bozz im Bizz (prod. Beatdown) 6. Stress (prod. Timecy–Chessa / Cutheta) 7. Die perfekte Welle (prod. Chakuza/Beatlefield) 8. Was du willst (prod. Bizzy Montana) 9. 100.000 Kilometer Feat. Jonesmann (prod. Abaz ) 10. Bei mir (prod. 3nity) 11. Engel (prod. Abaz) 12. Um sich selbst (prod. Johnny Pepp) 13. Alles kaputt (Ich?Nein,R!) (prod. Bizzy Montana) 14. 2 Seiten Feat. Moe Phoenix (prod. Phillip Buchholz) 15. Outro (prod. Timecey–Chessa)
Künstler: S.Diddy Titel: 21 Gramm VÖ: 25.01.2008 Label: German Dream Art: Album Features: Capkekz, G-Style, Eko Fresh, Hakan Abi Beats: Stieber Twins, ProdyCem, Kingsize, Ground Zero, Capkekz, S.Diddy
Stammtisch, Headrush, Overstolz, Optik, ein unfassbarer Show-Stopper während des Savas/Eko-Beefs samt Wechsel zu German Dream, Rücktritt, Rücktritt vom Rücktritt, dann wieder doch nicht und jetzt? Ende…?
Als sich in Deutschland noch Plattenteller drehten und Rapper keine Masken trugen, tingelte eine gewisse Crew namens Stammtisch freestylend von Jam zu Jam. Schon damals scheute sich ein gewisser Jan Delay (der damals noch gar nicht so Delay war) vor dem direkten Duell mit den Jungs. Rano, Spontan, Laas (ja, Kiddies, eben dieser), DJ Amir und SD liefen damals heiß in so manchem Tapedeck.
Als die Formation auseinanderbrach, versuchte SD sein Glück solo. Er ging zu Headrush, wo er die 12“ „Aufsässig und fresh / Stoned“ auf den Markt schmiss. Über Overstolz und ein paar Features (u.a. mit Roey Marquis) landete er bei Optik. Wir schrieben das Jahr 2003, die Welt war wunderschön, ich war jung und SD zeigte Deutschrap auf einem bis heute unzerstörbaren Gerät von Benny Blanco „Wie es geht“. Kurz darauf folgte die „Dirrrty“-EP und der Kölner Stefan Duschl war am vermeintlichen Höhepunkt angelangt.
Es folgten ausgiebige Touren durch den deutschsprachigen Raum mit Kool Savas und der Optik Army, Mixtape- und Albenbeiträge und doch rumorte es in SD. Er konnte diesen Lifestyle und die Art und Weise, wie er an ihn gelangt war, nicht mehr feiern. So kam es 2005, für Fans trotzdem völlig überraschend, zu einem der spektakulärsten Transfers in der Deutschraphistorie. Nachdem Eko abgerechnet hatte, warteten alle auf Savas. Doch Ek wär nicht Ek gewesen, hätte er nicht noch ein Ass im Ärmel gehabt. Zusammen mit Summer Cem und einem Special Guest schoss er noch vor dem Urteil „Die Bestrafung“ in Richtung Savas. Featuring? Tadaaaa…SD. Böses Ding. Großartig und widerlich zugleich. Abgewichst.
Und so kommen wir zum eigentlichen Punkt dieser Review, zum ersten und einzigen Album von SD, der sich mittlerweile in S.Diddy umbenannt hatte. „21 Gramm“ erschien im Jahr 2008 über German DreamEvangelium und ist bis heute das letzte Lebenszeichen von S.Diddy in Form einer Veröffentlichung als Solokünstler.
Schon nach anderthalb Minuten ist klar, was den Hörer erwarten wird. Ausgeflippte Rhymes, durchgedrehte Flows, wirre Drogenphantasien, absurde Disstiraden. Alles on point gerappt und immer mit dem gewissen Grinsen im Mundwinkel, nur um im nächsten Moment wieder vollkommen asozial abreissen zu können. Beispiele? Sehr gerne.
„Ich komm aus dem Untergrund, guck ich töte den Beat/ keine Nutte kann mich verhexen denn das wär Mösenmagie/“ („Gib mir mehr“)
„Ich bin die oberschräge Amphetamin-Motorsäge/ ich steh mit einem Stock an der Bahn und geb deim’ Opa Schläge/“ („Kölsch Bloot“)
„Auf den Parties die wir machen geht es ab wie im Weltkrieg/ die Pupillen extrem geweitet wie das Arschloch von Melbeatz/“ („Der Don“)
„Blockier nich’ mein’ Weg oder ich tret’ dich durch die Türe du Wichser/ Motherfucker, ich roll meine Joints wie eine türkische Pizza/“ („Grembranx Click“)
Die Produktionen kommen hauptsächlich von ProdyCem, aber auch Capkekz (einmal mit Diddy zusammen), Kingsize, Ground Zero und selbst die legendären Stiebers haben für dieses Album ihre Festplatten durchsucht. Beats picken kann er auch, vielleicht sollte Nas da mal Nachhilfe nehmen.
Was Diddy auf der „Dirrrty“-EP mit „Für Kenna“ schon andeutete, nämlich dass er auch den Seelenstrip auf hohem Niveau durchaus beherrscht, wird auf „21 Gramm“ noch viel deutlicher. Man bekommt aber nie den Eindruck, dass das Album konstruiert sei und das nach so und so viel Asso-Songs mal ein ruhigerer folgen muss. Nein, es ist eher so, als würde es Sinn machen. Das Gesamtbild funktioniert nur auf diese Weise und ohne diese schonungslos offenen Songs (wie z.B. „Hoffnungslos“, „Aus und fertig“ oder „Wenn er geht“), wäre es nicht dieses Meisterwerk, was es unabhängig von Verkaufszahlen, Chartplazierungen oder medialer Aufmerksamkeit zweifelsfrei war und ist.
SD, bitte guck ein letztes Mal sick durchs Gitter. Zeig uns nur noch einmal wie es geht. Meinetwegen nur für Kenna. Ein finaler Eißfeldt-Diss. Ein Geistesblitz. Steig noch einmal über den Zaun. Dirrrty 2. Bitte.
Tracklist: 1. Intro 2. 2 Crazy 3. Hook 4. Hoffnungslos 5. Gib mir mehr 6. Kölsch Bloot feat. Capkekz 7. Aus & fertig 8. Grembranx Click feat. G-Style 9. Schuld 10. Auf Nase Skit 11. Palim, Palim! 12. Der Don 13. Bow Wow 14. Asi Peter Skit 15. Totentanz feat. Eko Fresh & Hakan Abi 16. Promiwelt 17. Assel Skit 18. Wenn er geht 19. To da Branx Clips:
Künstler: Aphroe Titel: 90 VÖ: 30.03.2012 Label: Melting Pot Music Art: Album Features: DJ Mirko Machine, DJ Stylewarz Beats: PH7, Beat Sampraz (alias Mr. Wiz), DJ Stylewarz & Mirko Machine
Vielleicht hat der ein oder andere das "Elmatic" Tape von Elzhi genauso gefeiert wie Aphroe. "Elmatic" ist eine Hommage an "Illmatic" von Nas, einem der besten Rap Alben aus der als "Golden Era" verklärten Phase des Hip Hop, den 90ern. Ohne sich peinlich darin zu verfangen, rappt Elzhi über die Beats, die im Original von Premo, Pete Rock und Large Pro und Konsorten stammen und für das "Elmatic-Projekt" durch Will Sessions neu eingespielt wurden. Den Schuh, mit diesem Projekt von Elzhi verglichen zu werden, muss sich Aphroe wohl anziehen, es gibt mit "90" einfach zu viele Gemeinsamkeiten. Genauso wie Elzhi als Mitglied von Slum Village gehört auch Aphroe einer legendären (deutschsprachigen) Rap-Crew an. Er ist also alles andere als ein unbeschriebnes Blatt, sondern ein erfahrener, extrem lyrischer MC, der ja auch in den letzten Jahren immer wieder von sich hat hören lassen wie z.B. durch die "Kleiner Mann EP" und die 7" mit PH7. Für "90" hat sich Aphroe zumindest einige seiner Favoriten und seine größten Inspirationsquellen aus den 90er Jahren geschnappt und, man müsste wohl sagen, diese neu interpretiert. Die Beats wurden von seinen alten Weggefährten PH7, Beat Sampraz (alias RAGs Mr. Wiz), DJ Stylewarz und Mirko Machine re-produziert, wie es in der Info zum Projekt heißt. Schon beim betrachten des Covers fällt den Eingeweihten ins Auge, welche Platten sich Aphroe gepickt hat, um ihnen seinen eigenen Anstrich zu verpassen. Aphroe legt auf "90" hohen Wert darauf, dass die Phonetik und der Flow der Originale möglichst erhalten bleibt. Das ist natürlich beim übertragen auf die deutsche Sprache nicht immer ganz einfach. Diese Schwierigkeit, Texte und Beats von legendären Rap Tracks zu nehmen und ihnen eine angemessene neue Form zu geben, gelingt Aphroe und Kollegen sehr gut. Die Beats lassen alle ihre jeweiligen Originale erkennen und auch die Texte geben dem Hörer das Gefühl der Passgenauigkeit, den Flow und die Delivery betreffend. Inhaltlich bringt Aphroe das, was man wohl als Grown-Man-Rap bezeichnen muss, obwohl ich persönlich den Begriff nicht verwenden würde. Die Texte kann man Aphroe eben allesamt abnehmen und er hat sich nicht den amerikanischen Vorbildern aus den Projects angepasst, sondern es wird viel mehr aus dem eigenem Leben erzählt bzw. die eigene Sicht auf die Dinge erläutert. Somit ist "90" nicht nur ein ambitioniertes, sondern auch ein sehr ehrliches Projekt, das die Liebe, die alle Beteiligten zusammen bringen, auch dem Hörer begreifbar macht. Der ambitionierte Wunsch, der originalen Phonetik, der Delivery und auch dem Flow treu zu bleiben, birgt die Problematik, dass, wenn man einen eigenen Text schreiben möchte bei dem Flow und Betonung bereits "feststehen", der Inhalt doch ein wenig leidet. Also dann, wenn das englischsprachige Original ein deutsches Äquivalent erhalten soll. Genau hier liegt auch der einzige wirkliche Mangel: Die deutsche und englische Sprache sind einfach zu verschieden, als das die Übertragung ohne Kompromiss machbar wäre. Somit leidet der Inhalt zu Gunsten des Flows gelegentlich ein wenig, weil es schlichtweg unmöglich ist, diesen ins deutsche zu übertragen. Das fällt vor allem in den Chorussen auf. Im Original heißt es "Who's World is this? It's mine! It's mine! It's mine!" Aphroe macht daraus "Zu mörderisch! Wer hält sein Wort? Wer hält sein Wort? Nichts scheint wies scheint, zu sein!" Irgendwie klingt das manchmal zu sehr nach: etwas mit Gewalt durch eine Form pressen zu wollen, die nicht so einfach zu passen scheint. Auch bei anderen Chorussen fällt dieses Problem immer wieder auf. Generell ist dabei aber positiv hervorzuheben, dass die Inhalte eben nicht so wie die Form übernommen werden, sondern in eigene ("deutsche") Kontexte übertragen werden. Abseites vom Chorus gelingt die Adaption des Flows dafür ziemlich einwandfrei, was auf wirkliches Können des Künstlers schließen lässt. Letztlich muss man ein wirklich großes Lob für Aphroe und seine Produzenten aussprechen. Schon allein ein solches Projekt zu veröffentlichen, erfordert viel Vertrauen in die eigene Kunst und genau dieses Vertrauen haben Aphroe, PH7, Beat Sampraz, DJ Stylewarz und Mirko Machine absolut zu Recht. In mir erzeugt "90" nicht nur die Lust, die eben gehörten neu eingespielten Klassiker mal wieder im Original aus dem Plattenschrank zu greifen, sondern vor allem die Lust auf das bereits angekündigte "richtige" Album von Aphroe.
Tracklist: Seite A 01. Experten 02. Zeit ist knapp feat. DJ Mirko Machine 03. Denkzettel 04. Wer hält das Wort? feat. DJ Stylewarz 05. Kompletter MC
Seite B 06. Rap Pestilenz 07. T.R.E.U. (Sei dir Gewiss…) 08. Der Beste wird gehen feat. DJ Mirko Machine 09. Suchtkrank 10. Steh auf und Handel
Künstler: Sentino aka Sentence Titel: Stiller Westen VÖ: 10.02.2012 Label: Paraschizzo Vertrieb: Nation Music Art: Album Features: Seranjo, Para & Skarra Mucci Beats: Monroe, Shusta, Golden League, Fourtee Beats, Zede, Sam B, Puppenspieler
Es muss so um die Jahrtausendwende gewesen sein als ein noch sehr junger Desue mit einem noch jüngeren Sentence um
die Ecke kam. Ein rotzfrecher, kackdreister, hungriger Bengel mit so
viel Swagger in der Blutbahn als hierzulande noch keiner Swagger hatte.
Nach all den Hochs, Tiefs und einem zu unrecht nicht großartig
beachteten Debüt, flüchtete dieser, mittlerweile nicht mehr so junge Sentino (wie er sich zwischenzeitlich nannte), nach Polen, um mit sich und der Welt ins Reine zu kommen.
Das Ergebnis dieser Zeit ist „Stiller Westen“. Der Vorbote zu dem „richtigen“ Album „Wilder Osten“, welches dann wohl noch kommen wird - bei Senti weiß man nie. Ich warte bis heute auf „Sentinos Way 3“. Aber zurück ins hier: Herausgebracht wird „Stiller Westen“ über das Label Paraschizzo aus der Schweiz, welches hierzulande noch nicht sonderlich bekannt ist.
Was mir auffällt, bei all den unbestreitbaren Skills, ist die Tatsache,
dass viele der Tracks keine Weiterentwicklung des Rappers Sentence darstellen.
Viele Vergleiche sind einfach ausgelutscht („soviel Beef, bald liefere
ich ein Steakhaus an“…“klatsch euch platt wie ein Thunfisch im
Sandwich“) und man fragt sich zwangsläufig ob das Feuer nicht vielleicht
doch aus ist. In mancher Hinsicht wirkt Senti auf
dieser Platte wie ein alter, zahnloser Löwe, dem die jüngeren den Rang
abgelaufen haben - in Sachen Slang, in Sachen Rhymes, in Sachen
Vergleiche. Alles Dinge, die er in Deutschland mit auf den Weg gebracht
hat. Es ist ein wenig schade.
Weniger schade ist, dass Sentence sich Instrumentals bei Monroe geholt hat. Das geht natürlich immer, die beiden sind einfach ein Dreamteam. Vielleicht sollte Senti für „Wilder Osten“ ausschließlich bei ihm seine Beats picken. Es gibt nicht einen Ausfall von Sentence auf einem Beat vom Paper Paper Oberhaupt. Gut, die Featureparts auf „Verwelkte Rosen“ sind nicht wirklich erwähnenswert, aber wenn ich richtig informiert bin, rappen Seranjo, Para & Skarra Mucci sonst auch nicht auf hochdeutsch.
Technisch ist das alles on-point, die Flows sitzen, manche Beats gehen
mehr als klar, manche eher nicht. Das größte Problem ist aber ganz
einfach: Der Funke springt nicht über! In einer Zeit, in der nur noch
gesaugt-entpackt-gelöscht wird, Tracks angeskippt werden, haben es
Releases, egal von wem, immer schwer. Der heutigen Generation zu
verkaufen wer Sentence ist und
wie wichtig er mal war für die Entwicklung von Deutschrap (und Karrieren
anderer) ist unsinnig, weil das schlichtweg (so gut wie) keinen mehr
juckt. Und so wäre der einzig richtige Move gewesen ein unzerstörbares
Manifest zu schaffen und das hat er hiermit leider nicht getan. Hoffen
wir das Beste für „Wilder Osten“.
Tracklist:
1. Blick in die Crowd prod. by Monroe
2. Achterbahn prod. by ZeDe
3. Karma prod. by Sam B
4. Hirngespinst prod. by Monroe
5. Flutlicht prod. by Shusta
6. 110% prod. by Monroe
7. Verwelkte Rosen feat. Seranjo, Para, Skarra Mucci prod. by Monroe
8. Am Nagel geboren (HDF) prod. by Fourtee Beats
9. Mein Bruder prod. by Fourtee Beats
10. Vorbei der Traum feat. Skarra Mucci prod. by Fourtee Beats
11. Resistance prod. by Shusta
12. Wesenszüge prod. by Shusta
13. Licht in Dir prod. by Golden Ligue
14. Stiller Westen prod. by SAD
15. Durch die Tür prod. by Puppenspieler
16. Thron aus Stein prod. by Puppenspieler
17. Abspann prod. by Fourtee Beats